Der Wille zum Stil / IV

Das Gefühlsmoment überwiegt meistens in ihren Werken und zwar in der Form einer tragischen Gestalt. (Beispiel: Sasatto [Sienesische Schule]: Johannes der Täufer.) Im Tragischen zeigt sich am stärksten das Kampfmoment, das heißt der Wille zur Überwindung der Natur. Das Tragische in der Kunst ist der psychologische Ausdruck des unvollkommenen zerrissenen Menschen, der glaubte, daß die großen Gegensätze, welche er sich primitiv als Diesseits und Jenseits, als Himmel und Erde, als das Gute und Böse dachte, niemals in vollständige Harmonie zu bringen war. Drückte der unvollkommene Mensch in das Tragische, das schwere Erdische, das äußerste Eine aus, so versuchte er im befreiend Engelhaften das äußerste Andere, das leichte Himmlische auszudrücken. (Beispiel: Fra Angelico: Aufsteigende Engel.) Den Ausgleich zwischen diesen beiden Extremen konnte er nur durch ein Symbol, z. B. durch Christi Himmelfahrt zum Ausdruck bringen. (Beispiel: Grünewald: Christi Himmelfahrt.) Nun erklärt es sich auch, warum bis weit in die Renaissance hinein die christliche Tragödie noch immer Gegenstand der Kunst blieb, obschon durch wissenschaftliche und philosophische Hygiene der Zweifel an eine überwiegend seelische und symbolische Lebensauffassung aufgetreten war. Wir müssen uns darüber klar werden, daß in all diesen Kunstwerken der Vergangenheit die Synthese des Lebens vorhanden ist als Gleichnis und niemals als Gestalt. Gleichnis ist ein indirektes per Analogie vermitteltes Symbol. Gestalt ist ein direkter, durch das charakteristische Mittel der Kunst erzeugter Ausdruck. (Beispiel: Piet Mondrian: Kompositie 1921.) Der Unterschied zwischen indirekten sekundärem und direkten primärem Ausdruck des Lebensinhalts, zwischen Gleichnis und Gestalt, gibt uns ein klares Bild von der scharfen Differenz zwischen altem und neuem. Alles, was sich zwischen diesen beiden Kunstäußerungen abspielt, wie Romantismus, Impressionismus, Kubismus, Futurismus, Expressionismus, Purismus usw., können wir als Experimentalismus betrachten. (Beispiele von Romantismus bis Purismus: Daumier, Monet, Picasso, Séverini, Kandinsky und Marc, Ozenfant.) Diese Ausdrucksformen, in denen sich das Ringen un einen neuen Ausgleich, um neue Harmonie polarer Lebenselemente am deutlichsten zeigt, waren darum experimentell, weil in ihren die natürlichen Spontanität, obschon in mehr abstrakter Erscheinung, vorherrschte.
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