Der Wille zum Stil / IX

Nun ist aber eine maschinale Ausführung keineswegs ausschließliche Bedingung für einwandfreie Schöpfungen. Voraussetzung für richtige Maschinenverwendung ist eben nicht nur Quantität, sondern vor allem Qualität. Künstlerischer Zwecke wegen soll die maschinale Verwendung von künstlerischem Geist geleitet sein. Infolge der geistig-praktischen Bedürfnisse unserer Zeit wird konstruktive Bestimmtheit Forderung. Nur die Maschine kann diese konstruktive Bestimmtheit verwirklichen. Die neuen Möglichkeiten der Maschine haben eine unserer Zeit entsprechende Ästhetik geschaffen, welche ich einmal die „Mechanische Ästhetik“ genannt habe. Diejenigen, welche die Überwindung des Natürlichen durch den Geist außerhalb der Wirklichkeit erwarten, werden vielleicht niemals zugeben, daß der generale Aspekt unseres heutigen Lebens die notwendige Bedingung für einen Lebens- und Kunststil ist, indem sich die überindividuellen, religiösen Wahrheiten erfüllen. Der kommende Stil wird vor allem ein Stil der Erlösung und der vitalen Ruhe sein. Weit entfernt von romantischer Verschwommenheit, jeder dekorativen Willkür und tierischen Spontanität abgewandt, wird dieser Stil ein Stil von heroischer Monumentalität sein. (Beispiel: amerikanische Gransilo.) Ich möchte diesen Stil im Gegensatz zu allen Stilen der Vergangenheit den Stil des vollkommenen Menschen nennen, d. h. den Stil, bei dem die großen Gegensätze im Ausgleich sind. Alles, was wir mit Magie, Geist, Liebe usw. bezeichnet haben, wird durch ihn wirklich erfüllt. Die Vorstellungen vom Wunder, mit denen der primitive Mensch so gern spielte, können nur durch elektrischen Strom, durch mechanische Beherrschung der Luft, des Wassers, durch technische Überwindung von Raum und Zeit verwirklicht werden. Je mehr sich das Neue in unserem Leben, in unserer Kunst offenbart, desto mehr zeigen sich die Gegensätze von Neuem und Altem. Diese scharfen Gegensätze würden nicht sein, wenn das Neue das Alte ganz verdrängt hätte. Aber da in jeder Zeit — auch heute — die alte Kunstauffassung bestehen bleibt, treten die charakteristischen Merkmale der beiden verschiedenen Lebensauffassungen ans Licht.
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