Der Wille zum Stil / V

Hierdurch ist es ihnen auch ganz unmöglich geworden, einen allgemeinen architektonischen, einen organisch konstruktiven Kunstausdruck hervorzubringen. Obschon bei diesen experimentellen Ausdrucksformen das Bedürfnis nach einer Aufhebung des in der Tradition üblichen Gleichnisses vorherrschte, gelang es ihnen nicht, eine universale kollektivistische Ausdrucksform, einen Stil zu erobern. Die Bestätigung hierfür liegt vor allem darin, daß es diesen Kunstäußerungen an allgemeinen Grundprinzipien, an Gestaltungsgesetzen mangelt. Das war aber auch für Kunstäußerungen unmöglich, deren Triebfeder die individualistische Empfindung war. Der allgemeine Gegenstand, den auch diese experimentellen Künste behandelten, war ebenfalls das Tragische, das sich aber in abstrakt lyrischer Erscheinung ausdrückte. Diese experimentellen Kunstäußerungen bewegen sich auf Grund einer noch unvollkommenen dualistischen Lebensauffassung zwischen Gefühl und Intellekt. Weder Gefühl allein, noch Intellekt allein können uns die Lösung des Kunstproblems bringen. Der große Wert dieser experimentellen Kunstäußerungen besteht vor allem darin, daß sie die Kraft der reinen Ausdrucksmittel (für die Malerei die Farbe — für die Plastik das Volume — für die Architektur der Raumkörper — für die Musik die reinen Klänge usw.) gefunden haben. Damit haben sie die Dualität zwischen Bildform und Bildinhalt aufgehoben. Für eine klare Einsichtgewinnung in das Kunstproblem, ist es nötig, daß wir an den Kunstwerken der Vergangenheit nachprüfen, wie dieser Lebensinhalt in die künstlerische Komposition übertragen wird. Dieser Lebensinhalt trat nämlich gleichnishaft oder illusionsmäßig — verhüllt in Erscheinung.
Meistens kenntzeichnet sich die Komposition durch eine Dreigliederung der Bildfläche, durch eine Mittelpartie oder Kompositionsachse und eine rechte und linke Hälfte. (Beispiel: Grünewald: Christi am Kreuz.) Am stärksten und am bewußtesten tritt diese Dreigliederung der Bildfläche während der Renaissance auf. (Beispiel: Raffael: Drei Gratien.) Die Achse oder der Mittelpunkt der Komposition hält die beiden Hälften zusammen, wodurch eine gewisse Symmetrie entsteht. Infolgedessen macht das Kunstwerk einen überwiegend statischen Eindruck. Das architektonische Element, das die ganze heutige Kunst beherrscht, setzt hier schon ein.
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