Der Wille zum Stil / XI

Kunst ist Spiel, und das Spiel hat seine Gesetze. So wie frühere Künstlergenerationen mit der Natur spielten, so spielen die neuen Künstler (z. B. die Dadaisten) wieder mit der Maschine. (Beispiel: Man Ray: Danger.) Wie sich in der Praxis unseres täglichen Lebens der mechanischen Beherrschung der Naturkräfte und die Überwindung von Raum-Zeit zeigt, weiß jeder, der sich der Telegraphie, des Telephons, Schnellzugs, Autos, Flugzeugs usw. bedient. Allmählich verwirklicht sich der alte Traum des primitiven Menschen, nämlich seiner Umwelt Herr zu werden. Nur durch vollkommene Beherrschung der kosmischen Kräfte wird der primitive mythische Mensch zum kosmischen Menschen. Die letzten Erfindungen, z. B. die Erfindung des drahtlosen Telephons im Hut, die von dem Amerikanischer Frank Chamber gemacht wurden, zeigt uns einige Massen, wie weit die Möglichkeiten auf dem Gebiete der Beherrschung kosmischer Kräfte gehen können. (Beispiel: Frank Chamber mit seinen neuem Apparat im Zylinderhut.) Es ist merkwürdig zu sehen, wie die jüngsten Generationen Europas und selbst Amerikas im Grunde um die Lösung des Problems in Kunst und Technik ringen. Die Richtung, die die Malerei, hauptsächlich im Kubismus, angegeben hat, wird sich im Laufe dieses Jahrhunderts wie ein roter Faden durch alle Künste hindurchziehen. Da diese Richtung durchaus konstruktiv, architektonisch war, darf es niemand wundern, wenn der Zusammenstoß der verschiedenen bildenden Künste die Lösung bringen würde. Die Lösung kann nur von monumentaler Synthese erwartet werden. In der Architektur hat sich schon seit Jahren ein gleicher Entwicklungsgang abgespielt. Verschiedene Architekten (Violet le Duc, Peter Behrends, Berlage, van der Velde) haben das architektonische Ausdrucksmittel gereinigt und von überflüssigen dekorativen Tendenzen befreit. Aus der funktionellen Notwendigkeit, die die Einteilung des Raumes bestimmt, wird die architectonische Plastik hervorgehen. Das Innere soll das Äußere gestalten. So hat die Architektur ihre eigenen Ausdrucksmittel wiedergefunden. Ich werde dekorative und monumentale Auffassung in einigen Bildern schroff gegeneinander stellen. (Beispiel: Zwinger in Dresden.) Im ersten Bild vernichtet der dekorative Wucher der Skulptur die architektonische Plastik. Das nächste Bild zeigt eine klare, mit rein architektonischen Mitteln gestaltete Plastik. (Beispiel: Haus van ’t Hoff.) Bei diesem Gebäude ist alles Äußere durch das Innere bedingt.
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