Der Wille zum Stil / VI

Das Leben jedoch ist nicht nur statisch, sondern auch dynamisch, nicht nur konstruktiv, sondern auch destruktiv; es ist beides in einem. Als Reaktion auf das Statische greift das Barock mit seiner Vorherrschaft des Dynamischen ein. (Beispiel: Michel Angelo: Gott schafft die Erde.) Wenden wir uns von den Kunstäußerungen der Völker ab, bei denen das plastische Element dominiert, und wenden wir unsere Aufmerksamkeit den Völkern zu, bei denen das malerische Element dominiert! So finden wir bei Rembrandt z. B. den Polaritätsgedanken: die kontrastierende Verteilung, von Hell und Dunkel. (Beispiel: Rembrandt: Jüdische Braut.) In dem Beispiel, das ich hier gewählt habe, wird die Lebenssynthese durch anschauliche Vorstellung noch stärker ausgedrückt. Im Zusammenhang meines Vertrags bekommt dieses Gemälde Rembrandts die Bedeutung eines übernationalen Gestaltungswillens. Schon in dieser Entwicklungsphase der Malerei werden die sekundären Bildelemente (das Gegenständliche) zu primären Gestaltungselementen, d. h. die farbigen Gegenstände werden der malerischen Komposition untergeordnet. Im Impressionismus wird das Rembrandt-Prinzip zum System. (Beispiel: Manet: Frühstück im Freien.) Das Gegenständliche bekommt eine noch geringere Bedeutung, an Stelle von Lichtkontrasten wie bei Rembrandt ergeben sich Farbkontraste wie bei Manet. Die Betonung der Kontraste wurde immer bestimmter, wie sich das am deutlichsten bei diesem Bild von Manet zeigt, wo eine immer wechselnde Wirkung von hellen und dunklen Farben die gesamte Komposition durchzieht. Aus dem übernationalen Gestaltungswillen späterer Kunstperioden kann auf eine allgemeine künstlerische Gestaltungsnotwendigkeit, die in früheren Perioden unbestimmter auftritt, geschlossen werden. Der Kampf um unmittelbaren Ausdruck setzt bei van Gogh sehr stark ein. (Beispiel: van Gogh: Arlesienne.) Mit brutaler Sicherheit zwingt er sein Kontrasterlebnis in die Bildfläche hinein. In geschlossener, fester Formstruktur versucht er die Zweiheit zu überwinden, das Statische und das Dynamische in Ausgleich zu bringen und den Geist die Materie zu übertragen. Diese Überwindung der Dualität (das Lebensgefühl des zerrissenen, unvollkommenen Menschen der Vergangenheit) war aber nicht möglich ohne Vernichtung der Naturillusion, ohne Durchbrechung der geschlossenen Form, ohne Überwindung von Form überhaupt.
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